Deanna Galletto

 

Mauern, fast ein Synonym für Berlin und das nicht erst seit dem Produkt des Kalten Krieges: der Berliner Mauer von 1961 bis 1989. Bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte Berlin den Weltrekord mit den meisten Mauern in einer Stadt. Unter der Leitung der Polizei hatte das preußische Beamtentum die Planung für das von Hegemann so genannte: steinerne Berlin geschaffen. Das gräßliche aber für die Wohn - und Lebens -  Verhältnisse bestens zutreffende Wort von den: Mietskasernen machte die Runde. In einigen Bezirken der Stadt sind weite Gebiete dieser Gebäude und damit: ihre Mauern, trotz Kriegs - und Nach Kriegszerstörung überraschend gut erhalten geblieben. Verwitterte Reklamereste oder Spuren von ehemaligen Anbauten geben oft Einblick in ihre Geschichte, in der Masse aber können sie die ihnen eigene Tristesse nicht beschönigen.
> Dennoch macht sich die italienische Künstlerin, Deanna Galletto auf, den Mauern im Kleinen ästhetische Reize zu entlocken. Mit einer Vielzahl von Polaroid - Aufnahmen machte sie eine Art topographischer Bestandsaufnahme von alleinmöglichen Details wie z. B. unterschiedlichen Materialverbindungen wie Metall und Mauerwerk, Ornamenten des Jugendstils, unter verwitterten Farbflächen hervortretenden alten Farbresten und einem höchst zeitgemäß auf Putz geklebten Kaugummi. Die gelernte Photogräfin verwandte dabei ein Verfahren, das ihr die weitestgehend originalgetreue Wiedergabe der Proportionen der abgelichteten Mauer - Ausschnitte auf dem Filmmaterial gewährleistete. Diese minuziöse Annäherung an die Geschichte und Geschichten der Stadt über ihre Hausmauern ergaben eine Art Skizzenbuch für die hier gezeigten Arbeiten: Berlin vierundzwanzig und Berliner Mauern.
Die Berliner Mauern - Bilder stellen eine Auswahl der 23 Bezirke Berlins dar. Sie sind einer topographischen Ordnung entsprechend aneinander gesetzt und bilden in dieser Konfiguration einen symbolischen Plan der Stadt. Diese Auswahl ist Teil einer Serie von 24 Bildern, entsprechend den 23 Bezirken und einer eigenständigen Besonderheit, dem Brandenburger Tor, das als vierundzwanzigstes und Zentrum der Stadt mit diesen korrespondiert.
Die Verwendung von auch beim Hausbau üblichen Materialien wie: Gips, Sand, zerstoßene Mineralien usw. verleihen den Gemälden einen haitischen Reiz, der oft auch von Mauern ausgeht.  Eine weitere Variante zum Thema Ber1iner Mauern stellen die zwei- und dreifarbigen Druckgrafiken dar. Hier wurden auch collage-ähnliche Techniken angewandt. Erstaunlich ist es schon, was für eine Formenvielfalt und was für eine Farbenfreude die Künstlerin an Hand der "Mauerausschnitte" zeigt. So hat doch der flüchtige Passant oft eher den Eindruck, von der Menge und scheinbaren Homogenität des steiner- nen Meeres von grauen Mauern erdrückt zu werden.
 

Joachim v. Klein, Berlin, Mai 1997